Mai 2026 | Michela Garbarino und Alina Mischko
Neugierde und Erfindungsreichtum waren schon immer wesentliche Bestandteile der menschlichen Natur. Es liegt uns sozusagen im Blut. Wir wollen unser Leben stetig verbessern und modifizieren. Mit Erfindungen wie beispielsweise Smartwatches und Blutzuckersensoren, kontrollieren und optimieren wir uns und unsere Gesundheit heutzutage auch gerne selbst. In Bereichen, in welche wir selbst nicht direkt eingreifen können, hilft uns die Forschung mit neuen Entwicklungen weiter.
Anders als in den Vereinigten Staaten bestand in Deutschland lange Zeit die Problematik, dass zwar Erfindungen durch die Forschung hervorgebracht worden sind, diese jedoch aufgrund verschiedenster Hürden nicht den Absprung als Produkt in den Markt und die Wirtschaft schaffen konnten. Damit blieben viele Neuerungen bisher auf der Strecke und konnten dieses sogenannte ‚Tal des Todes‘ zwischen fundamentaler Forschung und Kommerzialisierung nicht überwinden. Mit dem neuen bayerischen Hochschulinnovationsgesetz (BayHIG) soll sich das ändern. Dieses schafft den Hochschulen den rechtlichen Rahmen, mithilfe staatlicher Unterstützung neue Unternehmen zu gründen. Das im Herbst 2024 eröffnete Transformation Lab in Oberschneiding knüpft genau hier an. In Zukunft wird dort im neuen Bereich des Bioengineering geforscht und entwickelt. Es ist eines der Ersten seiner Art in Deutschland, und damit ein Leuchtturmprojekt im Bayrischen Raum.
Die Pioniere von Oberschneiding
Die Köpfe des neuen Bioengineering Labors sind Prof. Dr. rer. nat. Jeff Wilkesmann, wissenschaftlicher Leiter, und Dr. rer. nat. Richard Janissen, Forschungs- und Gruppenleiter. Trifft man die beiden zusammen an, wird offensichtlich, dass sie sich sehr gut verstehen. „Wir ergänzen und komplementieren uns“, erzählt Dr. Janissen über die Zusammenarbeit und Prof. Wilkesmann ergänzt, dass sie im Labor „wie eine große Familie“ sind.
Beide sind international renommierte Wissenschaftler und blicken bereits auf einige Erfolge in ihrer Forschungskarriere zurück. Der gebürtige Venezolaner Prof. Wilkesmann hat unter anderem bereits ein Buch herausgegeben. Darin geht es um die Zymographie, eine spezielle Methode, mit der die Aktivität von Enzymen charakterisiert werden kann. Er hat richtungsweisende Arbeiten zur Effizienzsteigerung mikrobieller Cellulasen durch proteintechnologische Verfahren durchgeführt. Ihm gelang eine verbesserte Thermostabilität bei gleichzeitiger erhöhter katalytischer Aktivität– unerlässliche Eigenschaften für die wirtschaftliche Umwandlung von Biomasse. In Zusammenarbeit mit Kollegen aus Spanien, Venezuela und Chile wird weiter geforscht im Bereich Enzymimmobilisierung und Mikrokapselung. Dr. Janissen wiederum hat beispielsweise neue Methoden entwickelt, um biologische Mechanismen auf molekularer Ebene zu untersuchen. Dabei hat er als einer der Ersten die Mechanismen der RNA-Virus-Rekombination herausgefunden, welche jahrzehntelang ein Mysterium waren und neue Virustherapien ermöglichen. Auch entdeckte Dr. Janissen einen bisher unbekannten Regulierungsmechanismus der Proteinsysnthese in Zellen. Seine entwickelten diagnostischen Biosensoren zur Früherkennung von Krankheiten und Infektionen zählen zu den sensitivsten seiner Art weltweit. Als Co-Founder eines Unternehmens mit Sitz in den Niederlanden hat er zudem einen KI-basierten Prozess mitentwickelt, der Labortests zur Gesundheit eines Bodens digitalisiert. Ihr gemeinsamer Anknüpfungspunkt ist dabei die Biologie. Während Prof. Wilkesmann einen Doktortitel in Biochemie führt, so liegt die Expertise des gebürtigen Nordrhein-Westfalen Dr. Janissen überwiegend in der Biophysik und Nanotechnologie. Ihr Wissen bündeln sie künftig im gemeinsamen Forschungsfeld Bioengineering.
Biologie + Engineering = Bioengineering
Was hat es mit Bioengineering auf sich? Dr. Janissen gibt hierzu eine gute Definition: „Prinzipien der Ingenieur- und Naturwissenschaften auf Gewebe, Zellen und Moleküle anwenden oder neue, bioaktive Biomaterialien synthetisieren“. Es ist kurzgesagt ein neues Forschungsfeld, welches verschiedenste Methoden und Disziplinen, wie Biologie, Chemie, Physik und eben Ingenieurwissenschaften, miteinander verknüpft, um etwas grundlegend Neues, Revolutionierendes daraus zu erschaffen. Diese Interdisziplinarität und Disruption ist, was die beiden Wissenschaftler anspricht. Hierbei kann man sich der aktiven Lösung konkreter gesellschaftlicher Probleme, vor allem in den Bereichen Umwelt, Gesundheit und Nachhaltigkeit, widmen und etwas entwickeln, das am Ende auch wirklich den Weg zu den Menschen und der Gesellschaft findet.
Das klingt für die meisten von uns schön und gut, aber was kann Bioengineering nun genau? Dr. Janissen führt dafür eines der bekanntesten Beispiele unserer Zeit an: den RNA-Impfstoff, welcher während der Corona Pandemie eingesetzt wurde. Anders als bei herkömmlichen Impfungen mit kompletten, aber genetisch veränderten Viren wird nur ein ungefährlicher Teil des genetischen Viruscode injiziert. In den Zellen unseres Körpers wird dadurch ein Teil eines Virusprotein produziert, welches ausreicht, um Antikörper zu dem Virus zu bilden und uns dagegen immun macht. Diese Methode gab es zuvor noch nicht, hat aber höchstwahrscheinlich viele Menschenleben gerettet – und natürlich einigen Pharmafirmen ordentlich Geld in die Kassen gespült. Ein weiteres Beispiel wäre in Labor gezüchtetes Fleisch, das anhand von tierischen Stammzellen künstlich erzeugt wird. Dieses könnte sowohl unserem Klima als auch den Lebewesen zugutekommen, die dann nicht als Essen auf unserem Teller landen.
Für das Transformation Lab haben Prof. Wilkesmann und Dr. Janissen schon einige Ideen und Projekte am Laufen oder bereits abgeschlossen. Das erste Mammutprojekt im Bereich der Proteinsynthese läuft seit Errichtung des Transformation Labs bis voraussichtlich Ende 2029. Einem Thema, dem sich Prof. Wilkesmann derzeit widmet, ist die weitere Erforschung von Zellulose-Abbauenden Enzymen, um das Abfallmanagement zu verbessern. Konkret sollen Zelluloseabfälle aus Landwirtschaft oder Lebensmittelindustrie recycelt werden. Dr. Janissen möchte zudem eine neue Technologie etablieren, mit der unsere Lebensdauer und -qualität verbessert werden kann. Bestimmte Krankheiten wie Lungenkrebs können nämlich schon mehrere Jahre vor dem Eintreten der Symptome diagnostiziert werden, was Dr. Janissen mit der Entwicklung hochsensitiver diagnostischer Biosensoren optimieren möchte. Des Weiteren arbeitet derzeit das Forscherteam auch im Bereich bio-aktiver Wundpflaster und Gewebezüchtung.
Wo aus Forschung Zukunft wird
Von der Forschung zur Transformation
Sammeln wir in diesem Abschnitt kurz die wichtigsten Fakten: Das Transformation Lab erhält mit dem neuen BayHIG eine Startfinanzierung, um funktionsfähige Prototypen durch hochqualifiziertes Personal herzustellen, und hat damit, anders als die Industrie, auch mehr Zeit, diese mehrmals zu testen oder zu modifizieren. Integriert in dem Campus Oberschneiding wird das Transformation Lab zudem auch auf das Wissen und die Unterstützung in den Bereichen Gründung sowie Marktplatzierung zurückgreifen. Eine perfekte Synergie.
Das neue Transformation Lab besteht aus zwei verschiedenen Laboren. Das Erste ist das sogenannte Pre-Inkubationslabor. Hier ist Raum für neue, kreative Ideen und erste Experimente in kleinerem Maßstab. Fallen die ersten Tests positiv aus, so kommt die Idee in das Prototyping-Labor. Hierbei wird das Ergebnis auf den Weg zur Marktreife gebracht, damit es am Ende beispielsweise einem Unternehmen für die Produktion angeboten werden kann. Ein Teil des neuen Labors ist auch mit biologischer Sicherheitsstufe zwei ausgestattet werden. Das bedeutet, dass das hochqualifizierte Forschungsteam auch mit Produkten arbeiten darf, die unter gefährlichen Bedingungen entwickelt und getestet werden müssen, wie beispielsweise menschlichen Krankheitserregern.
Auch der wissenschaftliche Nachwuchs ist am Transformation Lab an der richtigen Stelle. Studierende aus allen naturwissenschaftlichen Feldern aber auch Ingenieurwissenschaften, Mechatronik oder Verfahrenstechnik können hier für ihre Abschlussarbeiten oder Promotion forschen. „Man kann immer zu einem Teil des Ganzen beitragen, so lernen die Studierenden auch mehr darüber, wie alles miteinander verknüpft ist“, erklärt Dr. Janissen. Ein weiteres Ziel, das die beiden Wissenschaftler in den nächsten Jahren anstreben wollen, ist die Einführung eines eigenen Studiengangs für das Forschungsfeld Bioengineering.
Der Weg ist das Ziel
Wann werden wir also ein erstes Produkt ‚Made in Oberschneiding‘ erleben? Prof. Wilkesmann und Dr. Janissen ewarten die ersten erfolgreichen Transformationen vom aktuellsten Wissenschaftsstand in marktreife Produkte mit hoher sozioökologischer Bedeutung in den nächsten drei bis vier Jahren. Die Beiden schultern also enorme Erwartungen und Herausforderungen. Prof. Wilkesmann beschreibt es als einen „intensiven Arbeits-Lifestyle“, neben der Lehre auch noch ein komplettes Labor und einen neuen Forschungsbereich mit aufzubauen. Kraft für die Arbeit schöpft er aus der Musik und dem Sport. Bei Dr. Janissen setzt sich das Motto ‚Erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘ auch in der Freizeit fort. Erst nach der eigenhändigen Montage seiner mittlerweile sieben Fahrräder werden diese auch gefahren.
Bioengineering ist ein Forschungsfeld, das uns alle betrifft und früher oder später positiv in unsere Lebenswirklichkeit eingreift – sei es die RNA-Impfung oder irgendwann das Steak aus dem Labor. Mit dem Transformation Lab ist schonmal ein guter Schritt in Richtung Zukunft getan. Jetzt liegt es an den beiden Leitern und ihrem Team, aus ihren Ideen und High-Tech Forschung bahnbrechende Neuerungen für den Markt und der Gesellschaft zu erschaffen.